Logo Kiss-Kid.de
 
  Translations:
Deutsch
English Francais Español Italiano Russian Polski
  Suchen
   
 
 
 
   
  Auffälligkeiten
  Behandlung
  Behandlungsverläufe
   
  FAQ's
  Selbsthilfegruppe
  Forum
  Facebook
   
  Ärzte/ Therapeuten
   
  Schreibabys/ AD(H)S
  Fördertherapien
   
  Links In-/ Ausland
  Literatur
  Termine
   
  Download
  Link setzen
   
  Neues auf kiss-kid.de
   
  AGB's
  Copyright
  Impressum
 
   

Vortrag Dr. med. Robby Sacher

Vom "Sich zum Sprechen bewegen lassen"

Lernen und Entwicklung gehen mit der Möglichkeit Hand in Hand, die neu gewonnenen Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen, sie zu schulen, auszuprobieren und zu modifizieren.

Unsere Ausdrucksmöglichkeiten sind allesamt an eine differenzierte Motorik gebunden und begegnen uns im Alltag beispielsweise in Bildern, Gesten, Musik, aber auch besonders in Sprache, Schrift, Mimik und Zeichen.

Grundzüge der Sprachentwicklung

Säuglingsalter

Die natürliche Sprachentwicklung beginnt schon sehr zeitig mit dem Sinn für Rhythmus und Schwingungen des Fötus in der Gebärmutter. Er kann Töne von sich geben, auf Geräusche reagieren, Willkürmotorik trainieren aber auch Sinnenseindrücke mit Primitivreflexen kombinieren. Selbst die Transmitterausschüttung im sich entwickelnden Hirn unterliegt solchen Rhythmuseinflüssen. Der wiegende Schritt der Mutter wird nachgeburtlich durch Tragen und Wiegen ersetzt, die Auseinandersetzung mit sich nun ändernden Umweltbedingungen (Schwerkraft) beginnt.

Dabei reagiert der Säugling ganz besonders auf motorische Stimulation, ahmt Bewegungen nach und tritt in Interaktion mit seiner Umwelt. Beispielsweise entwickelt sich das soziale Lächeln in den ersten Lebenswochen (um seine Umwelt freundlich zu stimmen). Wird diese Geste nicht beantwortet, so unterbleibt das soziale Lächeln wieder.

Abb.1 Das sich bewegende Vorbild und sein Nachahmer (bei vorgehaltenem Foto unterbleibt allerdings diese Reaktion)

Darüber hinaus eröffnet sich für das Kind eine ganz neue Welt von Tönen und Geräuschen zu denen es nun unfiltrierten Zugang hat.
Die Intonation und Tonlagen werden zunehmend übernommen, entsprechende akustische und motorische Rückmeldungen emotional bewertet und integriert. Wenn Säuglinge mit Tönen spielen entwickeln sie neurale Netze und bauen Myelinscheiden um die Nervenfasern auf, die zur Muskulatur des Kehlkopfes führen, die Sprachentwicklung reift. So können Babys die gehörten tonalen Schwingen mit Tönen synchronisieren um so zu lernen, diese Laute über die motorische Aktivität des Sprachsystems zu generieren. Außerdem erhält das Kind auch propriozeptive (körperbezogene) Rückmeldungen unter anderem von den Sensoren der Lippen, Zunge der Kau-Kiefermuskulatur. Wie sehr dem Baby diese Verknüpfung Spaß machen kann sieht man beim Schnalzen mit der Zunge. Die Sprachentwicklung ist demnach nicht nur an das Gehör gebunden sondern auch an propriozeptive Informationen der regional beteiligten Erfolgsorgane.

Für diesen Zweck hat sich "Mutter Natur" einen besonderen "Kunstgriff" einfallen lassen. Fast die Hälfte des motorischen Kortex (Hirnrinde) ist für das Sprechen zuständig und koordiniert das Zusammenspiel von Kehlkopf, Zunge, Mund, Kiefer, Gesichtsmuskulatur und Augen. Das Muskelgedächtnis für das Ausformen von Wörtern scheint im limbischen System zu liegen, einem System, das enge Verknüpfungen zu den Bereichen der Denksteuerung besitzt.

Kleinkindalter

Mit der Unterscheidung von Rhythmus und Tönen werden nun erste Wörter gebildet, mit Gegenständen oder Tätigkeiten und Funktionen verknüpft, verschiedene Dialekte und Akzente unterschieden sowie im Sprachgedächtnis entsprechend abgelegt. Für diese Fähigkeiten besteht ein Zeitfenster, das sich bis etwa zum 16. Lebensjahr zunehmend schließt. Auch ein Grund, warum Kinder eine Fremdsprache besser lernen als Erwachsene, obwohl letztere eigentlich viel bessere Lernstrategien (auswendig lernen) besitzen.

Kleinkinder entwickeln im Rahmen des Spracherwerbs ein ausgeprägtes Verständnis für die Funktion und Kategorisierung von Gegenständen sowie den Bezug zu Menschen.
Einerseits sind Bezugspersonen ein wichtiges Vorbild für das Sprachmodell sowie für Bewegung und können somit den Ausdruck des Gelernten fördern (Wortspiele, Reime, Rhythmusspiele ….). Andererseits dient die Erläuterung einer Funktion, eines Gegenstandes oder einer Tätigkeit der Erweiterung des Wissens. Daher ist es beispielsweise wichtig, dass das Kind nicht nur die Bezeichnung der Mütze versteht sondern weiß, dass man so nicht am Kopf friert.
Durch die Verknüpfung von Bezeichnung und Funktion zu einem Objekt oder einer Tätigkeit ist das Kind in der Lage eine tiefere Beziehung aufzubauen.
Eltern sollten sich bewusst sein, dass das Verhalten ihrer Schützlinge stärker durch das geprägt wird was sie sehen, fühlen, berühren und riechen bzw. schmecken. Mündliche Anweisen können im Alter von vier Jahren zwar im Allgemeinen verstanden werden, Worte sind dann aber meist "Schall und Rauch". So ist die physische Stimulation meist so stark, dass sie sich über Verbote schnell hinwegsetzen.
Die heiße Herdplatte ist dann so interessant erforscht zu werden …. .

Aber auch gegensätzliche "Funktionen" werden verknüpft und gemeinsam abgelegt. So gehört klein zu groß, hoch zu niedrig oder kalt zu warm. Kindergartenkinder üben dieses Zusammenspiel nicht selten, "ich bin nicht schmutzig, ich bin sauber ….".

Vorschul - und Schulkindalter

Mit der Fähigkeit zum Schlussfolgern (ca.4.Lbj) tritt die Sprachentwicklung in eine neue Qualität. So können Kinder den motorischen Verlockungen zwar widerstehen und Verbote einhalten, allerdings bedarf es oft "endloser" Diskussionen, die wiederum wichtig für die Entwicklung sind und zunehmend auch wirksamer werden (aus Sicht der Eltern).

Mami, Mami…. Mami, warum, …. warum, …… wieso
Mit Abschluss des Grunderwerbs der Sprache schließt sich bis etwa zum 7. Lebensjahr die Verarbeitung von Erlebtem im Rahmen der äußeren Sprache an.
Kinder können ohne "Punkt und Komma" reden, denken laut nach, formulieren Schlussfolgerungen und suchen Bestätigung. Selbstgespräche sind an der Tagesordnung und Wortgefechte üben den Umgang mit der Sprache. Das Ergründen von dem Was und dem Wie oder Warum fördert Denken und Sprache gleichermaßen und kanalisiert den Bewusstseinsstrom. Da Kinder in dieser Phase laut denken funktioniert beispielsweise das stille Lesen in den ersten Klassen der Grundschule nicht (und auch meist noch nicht in der 2. - stilles Lesen ist an den Spracherwerb der inneren Sprache gebunden).
Kinder dieser Entwicklungsstufe mögen es wenn laut vorgelesen wird.

Schulkindalter

Die Entwicklung der inneren Sprache versetzt die nun schon Schulkinder (ab ca. 8. Lebensjahr) in die Lage, Denkprozesse mit Bildern, Gesten, Begriffen und Lauten zu unterlegen, aber auch Wörter oder Tätigkeiten zu analysieren. So beginnen einige Kinder "um die Ecke" zu denken um herauszufinden ob sich aus einer situativen Entwicklung Vor - oder Nachteile ergeben. Das hat unmittelbaren Einfluss auf das Sozialverhalten.
Hierzu gehört die Entwicklung von Vermeidungsstrategien wie Kaspern oder Verweigern um sich im Gruppenverband nicht zu blamieren.
Bewegungsmangel, assoziierte Reaktionen bei Bewegung und anderes mehr (s.u.) behindern die Entwicklung der inneren Sprache sowie das formale Denken.

Interessanter Weise entstand die innere Sprache in einem Hirnareal, das die verfeinerten Bewegungen der Hand steuert. Mit dem Gebrauch von Werkzeug sowie der Fähigkeit Problem lösendes Denken zu entwickeln differenzierte sich dieses Zentrum für feinmotorische Koordination, Mustererkennung und Informationsverarbeitung in Verbindung mit Planen und Denken.

Natürlich ist der Spracherwerb ganz eng an die Intaktheit des Gehörs gebunden. Die Entwicklung der Gebärdensprache bei hörgeschädigten Kindern unterstützt den Denkprozess als Alternative zur Fähigkeit des Sprechens. Aber auch bei gesunden Kindern bietet die moderne Zivilisation nicht immer optimale Voraussetzungen. So wird beispielsweise im Fernsehen zu schnell gesprochen um daraus ideale Sprachentwicklungsvoraussetzungen abzuleiten. Aber auch wiederkehrende Infekte der oberen Luftwege, Mittelohrentzündungen u.a.m. können die Hörfähigkeit beeinträchtigen.

Die zunehmende Verarmung unserer Sprache macht sich im Verlust der Kommunikationsfähigkeit bei Kindern (und Erwachsenen) bemerkbar. So wird selten noch in ganzen Sätzen gesprochen was zu unvollständigen Sprach- und Denkmustern führt. Guckst Du … eh Alter kommst Du … oder um mit Tom Gerhard zu sprechen …ja normal eh… . Das Sprechen in ganzen Sätzen mit ausformulierten Gedanken setzt jedoch ein intensives Sprachtraining voraus, das nur durch ernsthafte Gespräche und unter Einbeziehung aller kommunikativen Fähigkeiten entsteht.
Andererseits entwickelt sich dadurch natürlich auch ein Abstraktionsvermögen. Dies erlaubt uns mit- bzw. vorauszudenken und Fehler zwar zu erkennen, diese jedoch zu kompensieren.

Gmäeß eneir elgnishesn Uvinisträt, ist es nchit witihcg in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, ist dass der estre und der lettze Bstabchue an der ritihcegn Pstoiion snid. Der Rset knan Bsinöldn snien, wir enrknen Wötrer am Bstaubenafuabau und knnöen astrabieern. Ehct ksras.

Sicher auch ein Problem für Kinder mit gutem Abstraktionsvermögen, wobei Lesen gut klappt (Erfassen der Wörter), allerdings der Schriftspracherwerb leidet.

Sprachentwicklung - Motorik und Kopfgelenksblockierungen

Das überzufällige Zusammengehen von Sprachentwicklungsverzögerungen und motorischen Defiziten ist seit Jahrzehnten bekannt. Eine Ungeschicklichkeit wird sich so nicht nur beim Umsetzen von Bewegung zeigen sondern auch bezüglich der Mundmotorik. Auf den Einfluss von Rhythmik der Sprache und der Bewegung (Handklatschspiele, vor - zurück- zur Seite - ran ….) wurde schon kurz eingegangen.

Ende der 80er Jahre belegten darüber hinaus erste Studien (HNO-Klinik) den Zusammenhang von funktionellen Störungen des Bewegungsapparates (insbesondere Kopfgelenksblockierungen) und verschiedenen Formen der Sprachentwicklungsverzögerung.
Da der obere Wirbelsäulenpol auch für Wahrnehmung aus dem Bewegungsapparat (Propriozeption) und hier besonders für Gleichgewicht, Kopf- Körper-Stellung im Raum, Blickfolge und anderem mehr verantwortlich ist, resultiert bei gestörter Funktion ein Informationsdefizit mit fehlerhafter Steuerung.
Die daraus folgende Gleichgewichtsunsicherheit lässt sich bei Kleinkindern oftmals schon daran erkennen, dass sie nicht gern oder nur klammernd auf den Schultern sitzen. Sie sind sehr vorsichtig, klettern nicht gern, stolpern häufig oder sind ungeschickt, verausgaben sich (aber mit Löwenherz) und haben Probleme mit der Kraftdosierung.

KISS und KIDD

Der Einfluss von frühkindlichen Kopfgelenksblockierungen auf die orofaciale Motorik (Kau - Kieferapparat) kann sich schon frühzeitig als Saug- und Trinkstörung manifestieren. Nicht selten sabbern die Säuglinge vermehrt und weisen außerdem Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung auf. Entweder überstrecken sich die Kinder und mögen die Bauchlage nicht (KISS II). Dem stehen Babys mit "C-förmiger" Haltung gegenüber, sie schauen meist nur nach links oder rechts und entwickeln neben motorischen Asymmetrien eine seitlich gelegene Hinterhauptabplattung (KISS I). Liegt solchen Auffälligkeiten eine Kopfgelenksblockierung zu Grunde kann eine manualmedizinische Behandlung helfen. In der Medizin hat sich dafür der Begriff KISS Syndrom etabliert. KISS steht für Kopfgelenks - Induzierte SymmetrieStörung.

Abb.2 KISS I mit Kopfschiefhaltung Abb.3 Einseitige Hinterhauptabplattung Gesichtsasymmetrie und motorischen Asymmetrien rechts bei KISS-I

Abb.4 KISS II mit Überstreckung Abb.5 KISS II mit mittiger Hinterhauptabplattung

Unbehandelt ergeben sich im Kleinkind- und Schulkindalter vermehrt Haltungsauffälligkeiten, eine Ungeschicklichkeit, Kopfschmerzen sowie Teilleistungsstörungen aber auch Sprachentwicklungsverzögerungen. Für diese Altersgruppe wurde der Begriff KIDD - Kopfgelenk - Induzierte Dysgnosie und Dyspraxie gewählt.
Eine flankierende manualmedizinische Behandlung kann dann die logopädischen, ergotherapeutischen, krankengymnastischen und mototherapeutischen Bemühungen unterstützen.

Abb.6 Fehlhaltung bei KIDD

Abb.7 Teilleistungsstörung bei einem Abb.8 …. und 6 Wochen nach Behandlung
6-jährigen Jungen vor Behandlung

Die Diagnostik und Therapie von Sprachentwicklungsverzögerungen erfordert demnach eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener ärztlicher und nichtärztlicher Fachrichtungen sowie die Einbeziehung von Familie und pädagogischem Umfeld.

Literatur:

Biedermann, H. KISS - Kinder. Enke-Verlag 1996
Falkenau, HA. Sprachentwicklungsverzögerung durch Kopfgelenksblockierungen. ManMed 1989 27:8-10
Gschwend, G. Neurophysiologische Grundlagen der Hirnleistungsstörungen. Karger 2000
Hannaford, C. Bewegung das Tor zum Lernen. VAK Verlag, 1996
Sacher, R. KISS KIDDs. VML, 2004

Anschrift des Autors:

Dr. Robby Sacher
Kampstraße 36
44137 Dortmund
post@manmed.info

nach oben

 

nach oben