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Behandlungsverlauf

Hier ein Bericht über einen 10 jährigen Jungen:

9 Jahre lang hatte ich Zeit meinen Sohn zu begreifen. 9 Jahre in denen ich ihn nur schwer verstehen konnte. Zum Teil war er für mich ein Buch mit sieben Siegeln.

Im sechsen Monat meiner Schwangerschaft hatte mein Mann einen Autounfall. Ein Abschleppunternehmen brachte uns das völlig zerstörte Auto nach Hause. Dass mein Mann fast unversehrt war, konnte ich beim Anblick des Wagens gar nicht glauben. Da für mich eine Schwangerschaft etwas ganz Normales ist und kein krankhafter Ausnahmezustand, dachte ich, ich würde das alles locker wegstecken… Ich konnte ja nicht ahnen, welche Folgen das noch haben würde.

In der 39. Schwangerschaftswoche kam mein Sohn im Galopp innerhalb 1 ½ Stunden zur Welt. Trotzdem bekam ich einen Wehentropf, da die Wehen zu unregelmäßig kamen. Bei der Geburt selbst half die Hebamme kräftig mit, indem sie mit dem Unterarm auf meinen Bauch drückte.
In diesen Tagen im Krankenhaus fiel bereits auf, dass ich kein einfaches Kind hatte. Er schrie sehr viel und hatte Probleme mit dem Einschlafen. Auch Zuhause wurde es nicht besser. Der Kinderarzt diagnostizierte 3-Monats-Koliken. Aber alle Lefax Tropfen der Welt und Bauchmassagen konnten ihm nicht helfen. Das Stillen klappt auf der rechten Seite gut, auf der linken nur im Liegen. Oftmals wusste ich nicht, warum er schreit. Andere Mütter erzählten mir, dass sie am Weinen ihrer Babys hören konnten, was ihr Kind braucht. Lorenz hat einfach nur gebrüllt. Einzig, wenn ich mit dem Kinderwagen über die Feldwege gefahren bin, hat er geschlafen.
Als er knapp 4 Monate alt war, wurde es besser. Im Nachhinein erkläre ich es mir so, dass er zu diesem Zeitpunkt in der Lage war sich so zu legen, dass er keine Schmerzen hat. Die Einschlafprobleme blieben.
Er wollte recht früh sitzen und gekrabbelt ist er nicht lange. Sein liebstes Fortbewegungsmittel war sein Bobby Car. Als er 18 Monate alt war, kam seine Schwester zur Welt. Ein Sonnenschein und ganz problemlos. Oft habe ich mich gefragt, wie es sein kann dass Geschwister so vollkommen unterschiedlich sind.
Kurz bevor Lorenz fast 4 jährig in den Kindergarten kam, brauchte er endlich tagsüber keine Windel mehr. Fast zeitgleich mit seiner Schwester. Ich dachte noch: Mädchen sind halt schneller in ihrer Entwicklung. Für alle seine Verhaltensweisen hatte ich für mich selbst inzwischen eine Entschuldigung. Im Kindergarten war er schüchtern und zurückhaltend, wenn ihn jemand ärgerte, schlug er zu. Etwas besser wurde es, als auch seine Schwester ein Jahr später in den Kindergarten kam. Während seine Schwester ständig Einladungen zu Geburtstagsfeiern bekam, bekam Lorenz keine einzige. Auch Freunde hat er keine gefunden. Er beschäftigte sich entweder mit den Erzieherinnen oder allein. Als er 5 Jahre alt war, fing er an zu stottern. Keiner konnte sich erklären warum. Verschwunden ist es irgendwann von selbst wieder und dann ging es sprachlich steil bergauf. Ich wurde oft angesprochen, dass ich ein sprachlich sehr gewandtes Kind hätte.
Auffällig war, dass er nicht schaukeln wollte und an Radfahren ohne Stützen war nicht zu denken. Schon geringe Höhen machten ihm schreckliche Angst. Wenigstens musste ich mir keine Sorgen machen, dass er irgendwo herunterfällt.. Auch motorisch fielen jetzt seine Defizite auf. Er wollte nicht malen und basteln, der Umgang mit der Schere fiel ihm schwer.
Oft kam er mir vor wie ein Autist, da er mit neuen Situationen nur schwer zurecht kam. Er klammerte sehr an mir, lies mich nicht aus den Augen. Nie im Leben hätte ich ihn zu jemand geben können, der kurz mal auf ihn aufpasst, ich musste ihn überall mit hinnehmen.
Seine nach innen gedrehten Füßchen tat der Kinderarzt als normal ab: Das verwächst sich…
Die ersten beiden Schuljahre waren relativ normal, ich hatte mich ja daran gewöhnt, dass er für alles etwas länger braucht. Ein Besuch beim Augenarzt brachte das Ergebnis: über 100 Prozent Sehschärfe.
In der 3. Klasse gingen die Schwierigkeiten los: Da er immer noch ein Außenseiter war, wurde er von einem Mädchen ständig geärgert, wehren konnte er sich nur in dem er wieder zuschlug. Ich konnte mir sein Verhalten nicht erklären.
Erst als ihn wirklich schimpfte, hörte er damit auf. Allerdings wehrte er sich nun gar nicht mehr und wurde fortan von diesem Mädchen extrem gemobbt. Sie schaffte es fast die ganze Klasse gegen ihn aufzuhetzen. Erst als die Lehrerin eingriff, kehrte Ruhe ein. Schulisch hatte er viel kompensiert, doch jetzt ging das nicht mehr. Überall hinkte er mind. 1 Jahr hinterher. Verdrehte Zahlen und Buchstaben, lies beim Lesen Wörter und ganze Absätze aus. Eine Vorstellung beim Schulpsychologischen Dienst brachte ein erschütterndes Ergebnis. IQ 72,5. Die Dame, die ihn getestet hatte, sagte mir deutlich, dass mein Sohn wohl einfach dumm sei, ich mich damit abfinden müsse und ein Besuch der Sonderschule wohl das Beste für ihn wäre, wobei er nicht mal dort jemals so werden würde wie andere in seinem Alter. Vorstellbar wäre irgendeine Art geistiger Behinderung. Zu helfen wäre ihm ohnehin nicht.
Als Mutter ist man nicht objektiv, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mich so täuschen konnte. Mein Sohn konnte zu diesem Zeitpunkt Traktor fahren und unseren 12 Tonnen Bagger bedienen. Sein technisches Verständnis war auffallend. Auch mit unseren Pferden hat er ein sehr gutes Händchen. So ein Kind konnte doch nicht dumm sein! Einen Schulwechsel lehnte ich kategorisch ab.
Kurz zuvor hatte mich ein befreundete Physiotherapeutin darauf aufmerksam gemacht, dass Lorenz immer noch Plattfüße hat und es nun Zeit wird was dagegen zu tun. Alle Krankengymnastik half nicht, beim Reiten war mir schon immer aufgefallen, dass sein Oberkörper immer wieder in sich zusammen fiel. Er konnte einfach keine Spannung halten. Ebenso hatte er schon eine auffallende Skoliose. Unsere Physiotherapeutin bat uns bei ihrer Chefin vorstellig zu werden, da seine körperlichen Probleme immer auffallender wurden.
Dort fiel zum ersten Mal der Ausdruck KISS-Syndrom. Die darauf folgende Nacht verbrachte ich im Internet. Es war verblüffend wie genau dort mein Sohn beschrieben war. Endlich hatte ich die Lösung für all seine Verhaltensweisen! Alles setzte sich wie Puzzleteilchen zusammen. Und - ich war nicht mehr allein! Viele Eltern im Kiss Forum hatten ganz ähnliche Probleme. Man riet mir zu einem Spezialisten zu fahren, der nach "Gutmann" behandelt. Der einzige in Bayern ist zum Glück nur 70 km entfernt. Das Kiss Syndrom ist in den Gebühren Katalogen der Krankenkassen nicht aufgeführt, somit mussten wir bis heute alle Behandlungen selbst bezahlen. Aber jeder Cent und jeder gefahrene Kilometer waren es wert. Auf dem Röntgenbild wurde deutlich: Sein Atlaswirbel (C1) ist 2 mm. nach Rechts gekippt. Er wurde behandelt und dann hatte ich ein anderes Kind. Plötzlich wurde aus dem faulen Kind ein richtiger Wirbelwind! Innerhalb einer Woche konnte er Inliner fahren und spontan Schwimmen! Beim Laufen kam endlich etwas mehr Gleichmaß in seine Bewegungen. Beim Reiten saß er nun kerzengerade. Inzwischen ist er 4-mal behandelt worden. Die Blockade ist behoben, nach einem Jahr sollen wir zur Kontrolle kommen.
Die Schulischen Probleme blieben zum größten Teil, weshalb ich ihn noch auf persistierende frühkindliche Reflexe testen lies, oftmals eine Folge von Kiss. Auch der Autounfall meines Mannes war maßgeblich daran beteiligt, dass einer der Reflexe nicht zur Ausreifung kam. Auch dort waren die beschriebenen Verhaltensweisen meinem Sohn sehr ähnlich. Ergebnis waren dann, noch 11 aktive Reflexe. Bis jetzt haben wir 2 Reflexe mit INPP erfolgreich bekämpft. Ein Reflex verschwand durch die Kiss Behandlung. Endlich kam, wenn auch sehr langsam auch in der Schule etwas ins Rollen. Er ist nun in der vierten Klasse und hat von September bis Weihnachten fast seinen gesamten Rückstand aufgeholt, vollkommen von selbst. Er wusste ja immer wie es geht, aber er konnte es bis dahin nicht umsetzen. Sozial hat er sich sehr verändert, hat viele Freunde und kommt mit seiner Umwelt besser klar. Er beginnt endlich sich von mir abzunabeln. Ist ein selbstbewusster junger Mann und sagt nun nicht mehr von sich selbst das er dumm sei.
Als weitere Folge von Kiss wurde bei Lorenz eine Winkelfehlsichtigkeit festgestellt. Nun trägt er eine Prismenbrille und sein Schriftbild und seine räumliche Vorstellung verbesserten sich schlagartig. Rechnen, Schreiben und Lesen hat sich sehr deutlich verbessert.

Wir sind noch lange nicht am Ziel, doch wir haben mehrere steile Berge überwunden, wobei ich oftmals fast am Ende meiner Kräfte war. Aber aus jeder Aufgabe kommt man gestärkt wieder raus und heute weiß ich, dass wir für jedes neue Stockwerk wieder durch den Keller müssen. Und bei jedem Mal fällt es leichter.
Heute kann ich auch die positiven Seiten sehen: Mein Sohn hat gelernt zu kämpfen, er weiß, dass es für alles eine Lösung gibt. Er würde nie unüberlegt irgendetwas tun und er wird es allein deshalb als Erwachsener leichter haben. Ich bin dem Schicksal dankbar für diesen wunderbaren Burschen, er ist was ganz besonderes. Nie zuvor in meinem Leben konnte ich so viel für mein eigenes Leben lernen.

Ach ja, inzwischen habe ich mich selbst auf KISS untersuchen lassen, weil die Übereinstimmungen aus meiner Kindheit auffällig waren. Ich hab's auch. Das Röntgenbild zeigte die gleiche Wirbellage wie bei Lorenz. C1 2mm nach rechts gekippt. Ich habe es ihm vererbt.. Nur bei mir kann man da nicht mehr viel machen… Die Reflexe wurden bei mir inzwischen gehemmt. Bei INPP werden sie zum Höhepunkt und somit zur Ausreifung gebracht.
Und eine Prismenbrille trage ich inzwischen auch…

Emotional haben wir alles durch. Immer schwankend zwischen Hoffen, Trauer, Wut, Enttäuschung und Freude. Dadurch habe ich gelernt meine Emotionen gut im Griff zu haben und vor allem sie sehr gut unterscheiden und beschreiben zu können, mit all ihren feinen Nuancen, was mir beruflich und privat sehr zugute kommt. Alles Negative, das uns im Leben widerfährt, hat auch seine positiven Seiten. Ich habe mich mit unserem Schicksal ausgesöhnt und kann nun auch Dankbarkeit dafür empfinden.

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